Perfekte, fehlerhafte Welt

Intomedia Magazin · 22.1.2021

Am Wochenende hatte Oswald Wagner noch verkündet: Die Covid-19-Pandemie wird ihren Schrecken verlieren und sich zu einer ganz normalen Krankheit wandeln wie andere auch. Und Homeoffice muss für alle verpflichtend sein, die von zu Hause aus arbeiten können. Wunderbar, weil dann würden weniger Kinder in die Schule gehen, weil sie dann ja von den Eltern zu Hause betreut werden könnten.

Noch während wir den letzten Satz lesen, können wir uns den Aufschrei unter den Eltern lebhaft vorstellen. Wie soll das gehen? Wir sind seit Monaten zwischen Kinderbetreuung und Vollzeit-Heimarbeit bis zur Erschöpfung zerrissen (s. z. B. #coronaeltern )? Und überhaupt: Das Beratergremium des Gesundheitsministers ist doch ausschließlich männlich besetzt?

An der letzten Frage ist was dran, denn Herr Wagner ist in der Tat kinderlos. Als er sein Statement machte, hatte er als Mediziner die medizinischen Konsequenzen seiner Forderung im Blick, nicht die sozialen. Jedenfalls zeigte der Shitstorm Wirkung, denn der Mann brachte in der nächsten Pressekonferenz die eingangs zitierte Entschuldigung.

Aus diesem Vorfall können Sie für Ihre eigenen Interviews zweierlei Dinge mitnehmen.

Erstens: Fehler zuzugeben, kratzt nicht an Ihrer Autorität als Expertin oder Experte. Oswald Wagner gilt nach wie vor als ausgezeichneter Virologe. Aber wichtig ist auch: Vertrauen wird nach einem Fehler wiederhergestellt, wenn Sie ihn begründen. Genau wie Herr Wagner, der erklärte, gepatzt zu haben, weil er selbst keine Kinder hat.

Zweitens: Der eigentliche Fehler von Oswald Wagner war es, sich in der Pressekonferenz auf ein Gebiet begeben zu haben, für das er kein Experte ist. Der Mann kennt sich in der Medizin aus, und es ist sein Job, Prognosen über den Verlauf der Covid-Pandemie abzugeben. Aber es ist nicht sein Job, sozialpolitische Vorschläge zu machen, und schon gar nicht, diese zu argumentieren.

Also: Haben Sie kein Problem damit, Fehler zuzugeben. Aber bleiben Sie bei Ihrem Leisten und vermeiden Sie Fehler, wo sie simpel vermeidbar sind.

Autor:

Stefan Schimmel

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